Also mit Zentrifizierung bezeichnet man zunächst das städtebauliche und stadtsoziale Phänomen, welches in den meisten großen amerikanischen Städten in Reinform auftritt: im Stadtkern Dienstleistungen, in erster Linie Finanzdienstleistungen, (weil die sich die höheren Grundstückspreise leisten können, Prestige, zentrale Lage)
, daherum der Gewerbegürtel und um den herum die Wohnstätten der einkommensschwachen Arbeiter in Mietshäusern und um die herum der ausgedehnte Wohngürtel der mittelmäßig und gutverdienenden Schichten in den endlosen Einfamilienhaussiedlungen mit mehr Grün und besserer Luft. z.B. Chicago:
, daherum der Gewerbegürtel und um den herum die Wohnstätten der einkommensschwachen Arbeiter in Mietshäusern und um die herum der ausgedehnte Wohngürtel der mittelmäßig und gutverdienenden Schichten in den endlosen Einfamilienhaussiedlungen mit mehr Grün und besserer Luft. z.B. Chicago:
http://www.mygeo.info/skripte/skript_bevoelkerung_siedlung/siedl3.htm#Sozialm
Ein Foto von Seattle aus der Luft zeigt hervorragend die Abfolge der Zonen:

Foto von Flickr/Canadagood (auf das Foto klicken) CC-BY-ND
Die Städte Amerikas haben sich recht bald auf diese Weise entwickelt, sodaß Verdrängung in erster Linie dann auftrat, wenn sich die jeweiligen Ringe von innen nach außen vergrößerten - also das Zentrum sich vergrößerte, nach außen natürlich, - wohin soll es sich denn sonst vergrößern - und die Ringe entsprechend. Wachstum ist bei dieser Geometrie quasi unumgängllich mit Verdrängung verbunden. Dieses städtebauliche Phenomen (die Zentrifizierung) gilt zurecht als Folge des kapitalistischen Eigentumsprinzips - Eigentumsrechts. Das Wachstum einer Stadt aber so zu steuern, daß keine Verdrängung auftritt hat bis jetzt noch keine Kultur geschaftt, in der es wachsende Städte gab.
Die städtebauliche Gestalt der amerikanischen Großstädte ist die gewaltigste bauliche und soziale Kristalisation einer symbolischen Form, der des Rechts, in der gesamten Zivilisationsgeschichte der Menschheit. Das ist ungeheuerlich in des Wortes zwiespältiger Wertung. Der Begriff ist also Kapitalismus kritisch, wobei es flächensparender als in den Downtowns nicht geht - unbedachte Versiegelung ist da mal kein Problem.
In Berlin kann man sich streiten, wie viele Downtowns es denn nun hat - das Zentrum zumindest war und ist der staatlichen Administration und der Kultur vorbehalten. Dann kamen sofort Industrie-Gebiete, gruppiert um die Häfen - Berlin war Hauptstadt und Industriestadt und größter Binnenhafen Europas. Die kontinentaleuropäische Industrie wollte die Arbeiter lieber nahe dabei haben, so daß Kreuzberg eines der extremsten Beispiele für die Mischung von Wohnen und Gewerbe ist. Das Wohnen der Reichen ( in der Wachstumsphase) breitete sich westlich aus, wegen der besseren Luft.
Dann ist Berlin wie keine andere Stadt der Welt vom Sozialismus u n d kaltem Krieg geprägt. Im Osten wurde gemäß eines übergeordneten Planes (oder einer Planutopie) Wohnen und Einkaufen arbeitsnah und Arbeit ressourcennah gestaltet - rational und rastermäßig - wo es eben ging. In Marzahn und Hellersdorf scheint das nicht richtig geklappt zu haben, außerdem war die Mobilität sehr zähflüssig - man mußte sehr lange auf eine Wohnung warten. Im Westen !schrumpfte! die Industrie gewaltig, die Wirtschaft wurde massiv mit öffentlichen Mitteln unterstützt und der Wohnungsbau richtete sich ganz fatalpragmatisch nach freigebombten Flächen.
Dann, 2-3 Jahrzehnte vor dem Fall der Mauer, geschah wieder etwas Einmaliges: gewaltige Summen öffentlicher Förderung flossen in die Instandsetzung und Modernisierung des westberliner gründerzeitlichen Altbaus. Als ich nach Berlin kam, hatten die meisten Häuser in Kreuzberg noch Podesttoiletten und Ofenheizung. Man sollte nicht vergessen, mit welch gigantischer finanzieller !öffentlicher! Hilfe die Wohnsituation (und übrigens auch die Gewerbesituation!) in den gründerzeitlichen Wohn- und Gewerbequartieren qualifiziert wurde? Ohne diese Mittel wären die Viertel jetzt nicht so attraktiv.
Nach dem Fall der Mauer schwappte ein erklecklicher Teil dieser Förderungen auch noch nach Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Dass man den Altbau wertschätzte, dass er nicht mehr abgerissen werden sollte, dass man keine Retortenstädte wie Gropiusstadt oder Märkisches Viertel mehr wollte, dass mußte politisch richtig erkämpft werden, das gehört zu den Errungenschaften der 68er - so hab ich es jedenfalls erlebt.
Fazit bis hierher: wenn man von Berlin eine Grafik anfertigen würde (gibt es vielleicht irgendwo) wie die verlinkte oben, dann ergäbe sie ein buntes, fast chaotiches Mosaik mit noch ein paar mehr Farben.
Nix mit Zentrifizierung!
Warum (http://de.wikipedia.org/wiki/Gentrification ) in England nun aus Zentrification Gentrification gemacht wurde..., - vielleicht ist die Mittelschicht aus der Sicht der Arbeiter adelig (Gentry == niederer Adel), vielleicht haben die Engländer auch einfach noch mehr mit dem Adel zu tun, zumindest aber sind die Städte in England auch nicht konzentrisch geschichtet, - da bleibt eben nur Gentrification, wenn einem displacement zu harmlos klingt. In Berlin sind es weder Adelige oder Finanzkapitalisten noch konzentrische Prozesse sondern höchst wahrscheinlich auch Angestellte des öffentlichen Dienstes, die in öffentlich geförderten modernen Altbauwohungen eingesessene Bewohner verdrängen, wenn die vertraglich mit den Eigentümern vereinbarte Mietbindung ausläuft und die ortsübliche Vergleichsmiete greift. Ich will damit nicht Angestellte des öffentllichen Dienstes kritisieren, sondern die gestelzte B e r l i n e r K a p i t a l i s m u s k r i t i k. Kein anderer Begriff ist für diesen Prozess deutlicher als das schlichte, schnöde Wort Verdrängung. Was für ein Lebensstandard ist denn akzeptiert, wenn man den Mittelstand als adelig bezeichnet?!
Wir haben eine Verdrängung durch eine Altbau-Hype, durch noch einmal gesteigerte Wertschätzung der Altbauquartiere und durch geringe Attraktivität möglicher Alternativen wie den monotonen Stadtrandgebieten, den monotonen Plattenbausiedlungen, den kleinkarierten 20er-Jahre-Siedlungen. Wir haben bald 70 Jahre Frieden, die Ansprüche ans Wohnen steigen in allen Schichten (zum Glück), dem wird der Nachkriegswohnungsbau nicht gerecht, weder der nach 45 noch der nach 18. Der Wohnungsbau vor 14 zeigt noch nicht die Einbußen zweier Kriege, des Faschismus, des Sozialismus, des kalten Krieges und sein Modernitätsdefizit und die ehemals zu hohe Dichte ist behoben, selbst in der damals billigsten Ausführung ist er heute hoch attraktiv!!!!! Das Ideal der Carta von Athen "Licht,Luft und Grün" (dazu noch am Stadtrand wie in Amerika) schwächelt hierzulande im Augenblick - im Augenblick! Das kann sich aber wieder ändern. Hypes sind sehr unberechenbar.
Auf welche Weise nun soll in einer Stadt wie Berlin, die ihre Rhizome endlich wieder nach Brandenburg, Deutschland und Europa ausbreitet, Aufwertung kanalisiert werden?
Abhilfe gegen die Verdrängung bietet sicher ein Niedrighalten der Vergleichsmiete und attraktiver verdichteter Wohnungsneubau mit kompletter Infrastruktur (in allen Kategorien) außerhalb der betroffenen Quartiere, (z.B. auf
Brachen).
![Berlin Brache 02]()
Brachen).

http://www.flickr.com/photos/demarmels/3369678161/
Was bis jetzt vom Flughafen Tempelhof zu hören und zu sehen war, kann wohl niemanden vom Prenzlauer Berg weglocken; niedrige Mieten bei hoher Qualität (im europäischen Durchschnitt) lassen die alten Viertel auch für höhere Einkommen weiterhin attraktiv bleiben, die Verdrängung würde nur verlangsamt. Das ist das größte Problem, daß der moderne Wohnungsbau teuer ist aber nicht begeistert. Eine Aufgabe für Kreative.
Planerisches Motto: "die Verdränger weglocken"
Auf individueller Ebene: Wohngemeinschaften bilden, Hausgemeinschaften, die Stadtteilläden reaktivieren, gemeinsames oder genossenschaftliches anteiliges Eigentum an Wohnungen und Häusern erwerben oder dauerhafte Nutzungsrechte. Das Wie, Wann und Wo in den Stadtteilläden koordinieren, Hilfen, Förderungen ermitteln. In den betroffenen Gebieten ist es dafür vielleicht zu spät, nicht aber Berlin weit. Allerdings haben sehr viele Mieter die Chancen in der Vergangenheit genutzt und wohnen jezt genossenschaftlich und betreiben auch Gewerbe genossenschaftlich. Genossenschaften sind sehr stabil. Viele finden die Regeln aber zu einengend, man muss sich eben entscheiden, ob man wirklich die durchgeregelte Konstanz will, oder aber dann nicht doch vielleicht mal in ein anderes Viertel ziehen will, mit jemandem zusammen oder näher zur Arbeit etc. Das wird einem klar, wenn man sich an die organisatorischen Mühen gemeinsamen Eigentums oder gemeinsamer Nutzungsrechte heran macht.

Individuelles Motto:"über Vernetzung Rechte erlangen"